10 Minuten An(ge)dacht
JESUS UND SEINE WOHNGEMEINSCHAFT
Stell dir vor, Jesus ruft an und möchte dich besuchen. Du freust dich sehr und lädst ihn zum Essen ein. Ihr verabredet einen Termin. Zum vereinbarten Zeitpunkt klingelt es an der Tür. Du öffnest die Tür, bittest Jesus herein und nimmst ihm seinen Mantel ab, um ihn an der Garderobe zu hängen. Du bewirtest ihn und ihr redet miteinander – intensiv. Doch dann ist die Zeit um und Jesus verabschiedet sich. Eine Zeit des Anteilgebens und Anteilnehmens geht zu Ende. Schließlich bist du wieder allein – mit deiner Erinnerung an eine schöne Begegnung.
Nun stellt euch vor, dass Jesus nicht nur zu Besuch kommt, sondern bei uns wohnt. Er hat einen Schlüssel und müsste nur dann klingeln, wenn er ihn vergessen hat. Seinen Mantel würde er selbst aufhängen und wenn er Hunger hat, geht er einfach an den Kühlschrank. Mit der Vertrautheit verringert sich das Gefühl des Besonderen – so ist es eben, wenn man zusammen wohnt. Wie viel Gemeinschaft man pflegt, liegt nun im Engagement der Mitglieder der WG. Es ist nicht von selbst einfach schön. Man muss es schön machen. Das Gute dabei ist, dass nicht nur einer alleine für alles verantwortlich ist, sondern dass die Aufgaben aufgeteilt werden können. Wenn der eine einmal nicht die Kraft hat, alle zu einem gemeinsamen Essen zusammen zu trommeln, tut es ein anderer. Dass Gemeinschaft gepflegt wird und Begegnungen stattfinden, liegt in der Verantwortung aller.
Der Monatsspruch ist mir als Text aus der Bibel so vertraut, dass es einige Mühe kostet, ihm neu zu begegnen. Jesus verspricht seine Gegenwart, wo immer sich zwei oder drei Menschen in seinem Namen versammeln. Damit ist klar, dass es um die Zeit nach Ostern geht und darum, wie Jesus seiner Gemeinde begegnet. Für mich wirft der Vers die Frage auf, was denn zwei Christen – oder auch drei – können, was einer alleine nicht kann. Wir würden uns doch sehr freuen, wenn unser persönliches Beten und Bibellesen zu sehr persönlichen und intensiven Begegnungen mit Jesus würde. So manches Mal erleben wir das auch so. Wozu braucht man dann noch einen dritten oder gar vierten?
Christen sind ihrem Wesen nach keine Einzelkämpfer oder gar Superhelden wie Spiderman und Co. Christen leben und arbeiten in der Gemeinschaft. Denn keiner kann den Auftrag Jesu, in alle Welt hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden, alleine erfüllen. Der Auftrag ist das eine, meine persönliche Frömmigkeit das andere. Auch hier brauche ich Korrektur, Ermutigung, Fürbitte und nicht zuletzt die konkrete Hilfe des anderen in praktischen Dingen. Dies erlebe ich durch andere Christen. Für mich ist es eine Tatsache, dass Jesus in all diesen Begegnungen mit dabei ist. Wenn wir diese Gemeinschaft leben, wird es deutlich werden, dass Jesus mit uns in einem guten Sinne wohnt. Er ist nicht nur Gast, der irgendwann wieder geht. Jesus bleibt da.
Hier möchte ich noch einmal Werbung für Hauskreise machen. Solche kleinen Gruppen sind ein guter Ort, um diese Gemeinschaft mit Jesus und den anderen zu erleben. Ich glaube auch, dass der Vers nicht in erster Linie auf Gottesdienst zielt, wie wir ihn als eher große Gemeindeveranstaltung praktizieren, sondern vorrangig auf das gemeinsame Leben als Gemeinde Jesu. Das legt der Kontext in dem 18. Kapitel des Matthäus-Evangeliums nahe, in dem der Vers steht. Der Vers hat vielleicht auch eine Rückseite, die ich bisher nie bedacht habe: Es heißt ja nicht "wo mindestens zwei oder drei zusammengekommen sind". Vielleicht gibt es in der Praxis ja auch ein Zuviel, um das zu erleben, wovon hier die Rede ist. Etliche Erfahrungen aus der Arbeit in Hauskreisen legen diesen Gedanken nahe. Wenn es tatsächlich so ist, unterstreicht das aber nur, dass es wichtig ist, dass jeder seine Gruppe in der Gemeinde hat, in der er sich zuhause fühlt – zuhause bei Jesus.
Thilo Maußer


